Nach den “schönen Künsten” der Perlenmacher kommt heute wohl der “hässlichste” Bericht über Ghana wärend meiner Reise.
Denn heute stand ein Besuch von Agbogbloshie auf dem Programm, ein Stadtviertel mitten im Zentrum von Accra, das die Ghanaer wohl treffenderweise “Sodom und Ghomorrah” nennen. Im Norden des Viertels grenzt eine ganze Reihe von modernen Industriebetrieben, im Süden der Makolamarkt und das Bankenviertel – und dazwischen Agbogbloshie, ein Ort mit ca. 10.000 Einwohnern, von denen ein großer Teil von der Verwertung von Elektroschrott lebt.
Ghana ist in den letzten Jahren leider zur Mülldeponie der Welt für Elektroschrott geworden, und die alten Handys und Computer, die containerweise z.T. illegal nach Ghana verschifft werden, landen am Ende alle in diesem Stadtviertel. Erwachsene, aber auch viele Jugendliche und Kinder leben hier davon, das Altmetall aus den Elektrogeräten zu gewinnen und für ein paar Cent an Metallhändler zu verkaufen. Das ganze funktioniert leider mitnichten nach dem Prinzip moderner Recyclinganlagen, sondern “von Hand”. Die Plastikgehäuse werden ohne jeden Schutz verbrannt, um die Metallteile freizulegen, die Bewohner des Viertels leben so ständig in einer Plastik- und Dioxinwolke, Haut- und Lungenkrankheiten sind hier Alltag, auch schon bei Kindern. Ich bin 10-jährigen begegnet, die, statt in die Schule zu gehen, den ganzen Tag mit einem Magnet über den verseuchten Boden des Viertels streifen, um verlorene Metallteil auszugraben.


Für mich ist es der schrecklichste Ort, den ich jemals gesehen habe. Es macht aber keinen Sinn, alleine durch das Viertel zu streifen. Und so habe ich mich dort (zum zweiten Mal) mit Mike Anane getroffen. Mike ist dort aufgewachsen und kennt fast jeden dort, vor allem ist er heute aber Sprecher des Verbandes der Umweltjournalisten in Ghana und Sprecher der NGO FIAN. Wenn einer Ideen hat, wie man dort auch nur in kleinen Schritten etwas gegen das Elend tun kann, dann er, weil er der einzige politisch aktive Mensch in Ghana ist, der sich für das Schicksal der Leute dort interessiert und deren Vertrauen genießt.

Ich habe mit ihm schon im letzten August Agbogbloshie besucht und hatte mich auf seine Bitte hin mit Experten in Deutschland kurzgeschlossen, leider mit vernichtendem Ergebnis. Ich habe mit Leuten aus dem Bundesinnenministerium gesprochen, die mir leider jede Hoffnung genommen haben, dass sich von europäischer Seite in absehbarer Zeit etwas ändert. Laut deren Auskunft wird es mindestens noch etliche Jahren dauern, bis man sich in der EU auch nur auf einheitliche Defintion von “Elektroschrott” einigen wird. Und bis das nicht geschehen ist, gibt es auch keine Chance auf ein Exportverbot, denn der Müll wird einfach als “Gebrauchtware” nach Ghana verschifft.

Also haben wir diesmal überlegt, wie man mit kleinen Schritten zumindest dazu beitragen kann, dass sich die Situation der Kinder in Agbogbloshie ein wenig verbessert.
Ich selbst (und auch Mike) halte nicht viel von individuellen Patenschaften, bei denen man dann eins der tausend Kinder rausgreift und mit Geld aus Europa “bereichert”. Wir haben daher überlegt, einen Verein zu gründen, mit dessen Hilfe man Kleinigkeiten anbieten kann, von Atemschutzmasken bis zum rechtlichen Beistand für die Anwohner gegen ignorante Behörden und Müllexporteure.
Auch so ein Verein wird nicht von heute auf morgen funktionieren, da Mike die Strukturen vor Ort sicher nicht alleine schultern kann. Und Geld wird natürlich auch gebraucht. Idealerweise sollten sich zumindest die Firmen beteiligen, die ihre alte IT-Technik auf so unsägliche Weise entsorgen.
Auch ein Teil der Einnahmen von “Green Fair” wird für dieses Projekt verwendet werden. Sicher ein Tropfen auf den heißen Stein, aber wir wollen zumindest einen Anfang machen.
Hallo Bernhard,
ich finde es sehr gut, dass du dort hingegangen bist und dir die Elektroschrottverwertung angesehen hast. Und das du uns Bilder zeigst von diesem furchtbaren Ort. Eine Lösung für das Problem weiß ich auch nicht, denke aber, dass es nicht erst bei dem Export nach Afrika oder Indien oder … anfängt. sondern vielmehr bei der Produktion und bei unserem Konsum von Elektronikgeräten und dahinter stehenden Wirtschaftsweise.
Eine gute Zusammenfassung der Problematik und wo es Ansätze zum Handeln gibt kann man sehen bei:
The Story of Electronics
Alles gute für deine weitere Reise!
Rolf Schwermer
Hallo Rolf,
da hast Du natürlich Recht! Im Prinzip müsste unser gesamter Stoffkreislauf geändert werden, um umweltverträglicher zu produzieren.
Bevor es soweit ist, möchte ich mich aber trotzdem mit kleineren Lösungsansätzen beschäftigen.
Ich habe Agbogbloshie und Mike nicht zu ersten Mal besucht und hatte zwischendurch auch einige Erkundigungen eingeholt.
Ich denke, dass beide Seiten da in der Pflicht sind. In vielen Fällen ist die Herkunft der PCs leicht sichtbar, jetzt waren gerade rund 200 alte “Hündchen” von einer Großbank in Laden dort. Zum Großen Teil war noch die Kennung der einzelnen Mitarbeiter auf den Tastaturen, diese und die Festplatten waren jedoch zerstört bzw. unbrauchbar gemacht. Solche PCs haben auch in Ghana nur noch Schrottwert und das weiß der Exporteur auch, verschifft sie aber trotzdem als Second Hand Ware nach Ghana. Weil es billiger ist als das ordnungsgemäße Recyceln nach der Elektroschrottverordnung.
Ich gebe die Schuld aber nicht nur den Exporteuren. Die laschen Importvorschriften für Second Hand Güter jeglicher Art in Ghana tragen auch einiges dazu bei, dass es ausgerechnet hier solche Plätze wie Agbobloshie gibt oder dass Du an jeder Ecke Second Hand Klamotten (auch Unterwäsche) aus Europa angeboten bekommst und gleichzeitig die Textilindustrie hier fast eingeht….Aber zur allgemeinen Situation in Ghana werde ich am Ende der Reise noch ein paar Gedanken in den Blog schreiben…
Mi zWolfi,
Thank you very much to write this, oh wow, is it the e-schrot in Agbobloshie market? open dumping and burning like this so scary..I am trying to catch up your article with the help of google translator (LOL)…please keep on writing!
My green office is working to prepare a review for the incoming earth summit (Rio +20), i think e-schrot will be one of the important issue!
Cubitooosssssss!
Ganz fürchterlich. Auf meiner Arbeit (Schrottplatz) hier in Deutschland waren auch schon Einkäufer, die gezielt nach E-Schrott gefragt hatten. Sie erklärten das die alten PC´S wieder flott gemacht werden, und das grade Afrika diese bräuchte um eine Infrastruktur aufzubauen. Sie kritisierten die Wegwerfmentalität.
Gott sei dank hat sich unsere Firma nicht darauf eingelassen und entsorgt bis Heute den E-Schrott in zertifizierten Fachbetrieben in Deutschland. Denn mit einem Tag verzögerung war die Polizei bei uns und hat sich nach den Einkäufern erkundigt. Es wird also zumindest ein bisschen was dagegen unternommen.
Trotzdem sehe ich als grösstes Problem die von der Industrie gewollte Wegwerfmentalität. Wir sollen unsere Geräte ja nach kurzer Zeit wegwerfen, also müssen sie entsorgt werden. Und wer ein paar Euro zusätzlich sparen möchte, findet auch für seinen E-Schrott einen weg nach Ghana. Leider!